"Gedanken zu muslimisch-christlichen Dialog und Kooperation von Bediuzzaman Said Nursi-1"

    In ihrem Streben, heutzutage einen von Gott geleiteten Lebensweg zu gehen, finden Muslime 
    ihre natürlichen Verbündeten in jenen Christen, die sich bemühen, den Lehren Jesu zu folgen 
    und ein Leben in Übereinstimmung mit der Wahrheit zu führen.

    Es ist mir eine Ehre, gebeten worden zu sein, an diesem in en Symposium mit
    dem Thema 'Ein zeitgenössischer Ansatz zum Verständnis des Korans:
    Das Beispiel von Risale-i Nur' zu referieren. Vorweg. möchte ich
    bekennen, dass ich kein intimer Kenner der Gedankenwelt Bediuzzaman Said
    Nursis bin. Meine Rolle auf diesem Symposium sehe ich eher als die eines
    'Anfängers' bei, diesem Thema denn als 'Gelehrter'. Ich freue mich darauf,
    während dieser Tage meine eigenen Korankenntnisse anhand der
    Erläuterung und Interpretation des Koran durch den modernen
    muslimischen Denker Bediuzzaman Said Nursi zu erweitern. Als gläubiger
    Christ, der die umfangreichen Schriften Said Nursis liest, stoße ich auf viele
    Überzeugungen und Standpunkte, die meine Aufmerksamkeit wecken. In den
    Schriften dieses engagierten muslimischen Denkers fand ich
    zahlreiche Berührungspunkte zu meinem eigenen Glauben an den Einen
    Gott und viele Bereiche, in denen ich wünschte, Said Nursi persönlich
    gekannt zu haben, um ihm Fragen zu stellen und von seinen Antworten zu
    profitieren. Meine Aufgabe in diesem kurzen Referat besteht weder darin,
    das ausgedehnte Universum der Gedanken Said Nursis zu vermessen,
    noch die vielen Bereiche aufzulisten, in denen er neue und
    wertvolle Einblicke liefert, sondern ich möchte ein spezielles Thema detailliert
    darstellen, und zwar die 'Gedanken zum muslimischchristlichen Dialog und
    Kooperation von Bediuzzaman Said Nursi'. Über viele Jahre hinweg und
    selbst in Jahren großer Spannungen zwischen Christen und Muslimen, wie
    z.B. während des Ersten Weltkriegs und in den darauf folgenden Jahren, war
    Said Nurs! in der Frage des muslimischchristlichen Dialogs ein'
    konstruktiver Denker. Seine Einsichten gelten auch noch heutzutage für unsere
    eigenen Überlegungen, und viele solcher Einsichten tragen erst jetzt reichliche
    Früchte in der muslimischen und, wie ich hoffe auch in der christlichen
    Gemeinschaft der Gläubigen. Muslime und Christen vereist in einer Kritik der
    Gesellschaften Eine der Hauptaufgaben jeder Glaubensgemeinschaft ist es, sich
    den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Jede Epoche in der Geschichte
    entwickelt ihre eigenen charakteristischen Herausforderungen,
    denn Menschen aus jeder historischen Epoche und aus jedem kulturellen
    Hintergrund unterliegen der Versuchung, ihre Vorstellungen von
    Gottes Willen durch ihre eigenen Wünsche zu ersetzen. Der christliche
    Glaube wurde durch Jesu Auseinandersetzung mit den Übeln
    seiner Zeit geprägt: der Konfrontation mit dem geheimen Einverständnis von
    politischer Macht und religiöser Führung, mit einer legalistischen
    Mentalität, die menschlichen Rechtsauffassungen eine höhere
    Priorität einräumte als den Werten Mitgefühl und Liebe; mit einer nur
    Wenigen zugänglichen Religiosität, die gewissen Gruppen bestimmte Privilegien
    zugestand, während sie die Armen, die Außenseiter, die Frauen und diejenigen,
    die unbewandert in religiösen Details sind, ausgrenzte. In ähnlicher Art und
    Weise führt der Islam die Tradition von Muhammads Eintreten gegen die
    damals herrschenden Prinzipien des Unglaubens in Arabien fort: gegen die
    Arroganz derjenigen, die keine Verwendung für Gott haben und nicht
    an das ewige Leben glauben, gegen die heidnische Verehrung traditioneller
    Kulte in den Zeiten der Jahiliyya (Unwissenheit), gegen die
    Unterdrückung von Sklaven, Frauen, Waisen, Ausgestoßenen und
    Vagabunden. Unsere heutige Zeit hat für aufrichtige Gläubige, die danach
    streben, in allem dem Wohlgefallen Gottes zu entsprechen, ihre eigenen
    Herausforderungen geschaffen. Sie verbergen sich in all dem, was
    normalerweise 'Moderne Gesellschaft' genannt wird. Dies ist eine Gesellschaft,
    die nicht von Grund auf schlecht ist und der Menschheit viel Nutzen gebracht
    hat. Nicht alle spirituellen Werte dieser Gesellschaft sind Gottes Willen
    entgegengesetzt, sondern sie bestärken und fördern sogar manche positiven
    menschlichen Eigenschaften. Allerdings kann die moderne Gesellschaft auch
    eine Form des Denkens entwickeln, bei der die Menschen das Bedürfnis nach
    der Existenz Gottes nicht mehr länger fühlen. Die Menschen behaupten von
    sich, nicht die Notwendigkeit zu verspüren zu Gott zu beten, ihm zu
    danken und seine Hilfe zu suchen, und oft führen sie ein Leben, was sich nicht
    nach Gottes Wort der Orientierung und Unterweisung richtet. Sie bevorzugen
    es, ihren selbst ausgedachten Philosophien und Ideologien zu folgen.
    Für all diejenigen, die ihr Leben in jeder Beziehung nach Gottes Willen
    ausrichten möchten, stellt eine Kritik der modernen Gesellschaft eine
    zwingende Notwendigkeit dar. Said Nursi war einer der ersten Denker
    unseres Jahrhunderts, der erkannte, dass diese Aufgabe, einen kritischen
    Ansatz zu den Werten der Moderne zu entwickeln, ein Projekt ist, das von
    Muslimen und Christen gemeinsam durchgeführt werden sollte. 1946, kurz
    nach Ende des Zweiten Weltkriegs erklärte er: 'Die Gläubigen sollten sich
    nun vereinigen, nicht nur mit ihren muslimischen Glaubensbrüdern,
    sondern auch mit wahrhaft religiösen und frommen Christen; sie sollten dabei
    Streitfragen vermeiden und sie auf später verschieben, dem absoluten
    Unglauben sei der Kampf angesagt!' Für Said Nursi sind Unglaube und
    Irreligiosität die Feinde menschlicher Freude und ethischer Rechtschaffenheit.
    Aber auch die Menschen, die sich dazu entschließen, ihren eigenen Lebensweg
    zu finden, dabei nicht Gottes Beistand suchen und sich nicht um Gottes Willen
    und seine weise Konzeption für die Menschheit kümmern, die ihre eigenen
    Lieblingsinteressen und Ideen nicht ablegen möchten, um sich stattdessen
    Gottes Lehren über die Natur des Menschen und seine Bestimmung unter
    zu ordnen. In ihrem Streben, heutzutage einen von Gott geleiteten Lebensweg zu
    gehen, finden Muslime ihre natürlichen Verbündeten in jenen Christen, die sich
    bemühen, den Lehren Jesu zu folgen und ein Leben in Übereinstimmung mit
    der Wahrheit zu führen. Gegenüber einem gemein samen Feind, 'dem
    aggressiven Atheismus' sollten sich, laut Said Nursi, Muslime, 'nicht nur mit ihren
    eigenen Glaubensbrüdern, sondern auch mit wahrhaft frommen Christen'
    vereinigen. Um eine solche gemeinsame Anstrengung zu ermöglichen, müssen
    Christen und Muslime zumindest für eine gewisse Zeitspanne von Disputen
    zwischen ihren beiden Glaubensgruppen absehen. Damit meint Said Nursi
    jedoch nicht, dass keine Differenzen zwischen Muslimen und Christen
    existieren oder dass jene existierenden Differenzen unwichtig sind. Es gibt
    tatsächliche wichtige Unterschiede zwischen dem christlichen und dem
    muslimischen Glauben. Said Nursis These - der ich zustimme - besagt, dass
    ein zwanghaftes Festhalten an diesen Unterschieden sowohl Christen als auch
    Muslime so sehr blenden kann, dass sie ihre wesentlich wichtigere gemeinsame
    Aufgabe vergessen: der modernen Weit eine Vision menschlichen
    Zusammenlebens zu bieten, in deren Mittelpunkt Gott steht und in der der
    Wille Gottes die Norm der moralischen Werte darstellt. Man darf- nicht
    annehmen, Said Nursi sei ein antimoderner Traditionalist, dem es
    darum ginge, die Uhren zurück zu stellen. Er erkennt an, dass es 'unzählige
    Vorzüge der (modernen) Gesellschaft gibt'. Diese positiven Werte sind nicht
    nur europäische Produkte, sondern sind im Besitz der ganzen Menschheit und
    gehen aus dem 'gemeinsamen Gedankengut der Menschheit, den
    Gesetzen der Offenbarungsreligionen, einem angeborenen Bedürfnis und
    insbesondere aus der islamischen Revolution hervor, deren Basis die
    Sharia Muhammads bildet'. An solchen positiven Werten der modernen
    Gesellschaft haben religiöse Menschen nichts auszusetzen. Im Gegenteil, sie
    akzeptieren sie und freuen sich über die Vorzüge, die diese Gesellschaft der
    Menschheit bringt. Nursis nuancierte Bewertung der Moderne wird begleitet
    von einer scharfsinnigen Beurteilung der Rolle Europas als Hauptvertreter der
    modernen Gesellschaft (und natürlich Amerikas als ihr aktivster Verfechter).
    Er ist kein oberlehrerhafter Europahasser, sondern erkennt an, dass
    die Beiträge dieses Kontinents zur Moderne durchaus vielschichtig sind
    und eine sorgfältige Differenzierung erfordern. Einerseits hat Europa vielen
    Menschen viel Gutes gebracht, andererseits hat es menschlichem
    Leben großen Schaden zugefügt. Nursi meint, verschiedene Gedankenströme
    in der westlichen Geschichte hätten es negativen Eigenarten ' er modernen
    Gesellschaft ermöglicht, sich zu entfalten und manchmal sogar die
    Oberhand über das Gute zu gewinnen. Im Wesentlichen hat es in der
    Entwicklung zwei Tendenzen gegeben: 

    1. Die westliche Gesellschaft hat sich immer mehr vom wahren Christentum distanziert und entfremdet und hat ihre persönlichen und das Gemeinwesen
    betreffenden Einsichten auf die Prinzipien einer anthropozentrischen
    graecoromanischen Philosophie gegründet, die den Menschen zum
    Mittelpunkt des Universums erhebt und Gott an den Rand zurückdrängt. 

    2. Die westliche Gesellschaft hat mit ihrer unkontrollierten Marktpolitik auf
    'erschreckender Ungleichheit, was die Mittel zur Bestreitung des
    Lebensunterhaltes betrifft' basiert. Das Resultat dieser Entwicklungen, vom
    Standpunkt der Gläubigen betrachtet, ist ein Europa mit zwei Gesichtern: ein
    'gutes' und ein 'schlechtes' Europa. Schon 1933/34 stellte Nursi fest:
    'Europa ist zweigeteilt. Ein Europa folgt durch die Inspiration, die es vom
    wahren Christentum empfangen hat, den Wissenschaften, die Gerechtigkeit
    und weiteren Aktivitäten dienen, die für das Leben der Gemeinschaft von
    Nutzen sind. Dieses In ihrem Streben, heutzutage einen von Gott geleiteten
    Lebensweg zu gehen, finden Muslime ihre natürlichen Verbündeten in jenen
    Christen , die sich bemühen, den Lehren Jesu zu folgen und ein Leben in
    Übereinstimmu ng mit der Wahrheit zu führen. erste Europa spreche ich nicht
    an. Ich meine das zweite, das korrupte Europa, weiches durch das Dunkel der
    Philosophie des Naturalismus, das die Übel der Gesellschaft für ihre
    Errungenschaften hält, die Menschheit dem Laster zugetrieben und in die Irre
    geleitet hat' Diese negative Strömung, hält er fest, strebt nach der Vernichtung
    von Muslimen und Christen, indem sie -sie von der Quelle spiritueller und
    moralischer Werte entfremdet und Feindschaft zwischen Christen und
    Muslimen schafft. All diejenigen, die an Gott glauben und versuchen, einen
    theozentrischen Ansatz des Lebens zu fördern, müssen die hiermit
    verbundenen Gefahren erkennen. "Es ist von grundlegender Wichtigkeit", fährt er
    fort, "dass die Missionare, fromme Christen genauso wie Nurcus, sehr
    vorsichtig vorgehen, denn mit dem Argument der Selbstverteidigung gegen
    Angriffe der Religionen, Islam und Christentum wird die 'Strömung aus
    dem Norden' versuchen, die Übereinstimmung zwischen Islam und
    den Missionaren zu zerstören." Nicht zufällig stammen diese Worte Said
    Nursis aus den Jahren 1945/46, einer Phase, in der der atheistische
    Kommunismus seine Vorherrschaft über ganz Osteuropa ausdehnte. Seiner
    Ansicht nach ist die moderne Gesellschaft das, Produkt verschiedener
    Einflüsse und führt -zu einem Wertesystem, das trotz seiner
    unübersehbaren Vorzüge oft in Widerspruch zu den Lehren Gottes
    steht. Nicht alle Quellen der Moderne seien menschlicher Natur, einige
    scheinen das Ergebnis dämonischer Inspiration zu,sein. In seinem
    Kommentar zu dem Koranvers 'Ihr Buchbesitzer, lasst uns einig sein!' stellt
    Nursi fest: 'Die moderne Gesellschaft, die ein Produkt der Gedankenwelt der
    ganzen Menschheit und vielleicht auch der Jinn ist, hat eine, mit dem Koran
    unvereinbare, Form angenommen; Individuen und auch Gemeinschaften
    haben in der Auseinandersetzung mit ihr versagt.' In dieser Situation bedeutet die
    Aufforderung des Korans - mit den Besitzern des Buches einig zu sein, dass
    sich Muslime und Christen jeweils darüber klar werden, dass sie als
    Gemeinschaften, denen der Glaube an Gott gemeinsam ist, eine gemeinsame
    Berufung haben und deshalb inmitten der modernen Gesellschaft Zeugnis über
    göttliche Werte ablegen. Weit entfernt davon, durch einen angeblichen
    'Zusarnmenprall der Kulturen' von einander getrennt zu sein, sind sie dazu
    aufgerufen, zusammenzuarbeiten, um einen kritischen kulturellen Dialog mit
    den Befürwortern der Moderne zu führen. (Wird forgesetzt)

    Prof. Dr. Thomas Michel, 

    Generalsekretär des Sekretariats für interreilgiösen Dialog, Vatikan. 

    Gedanken zu muslimisch-christlichen Dialog und Kooperation von Bediuzzaman Said Nursi-1, Fontäne-Online, Juli-September 1999.


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